Auch unter den Wirbellosen sind es gerade die auffälligsten Tiere, die sich nur vorübergehend im Felswatt aufhalten.
Allen voran ist der geringelte Seehase
Aplysia dactylomela zu nennen. Diese riesige Hinterkiemerschnecke (ausgewachsen bis 40 cm) trägt nur noch den Rest eines Schneckenhauses in ihrem Leib. Der Mantel, also das Organ, welches das Gehäuse ursprünglich von innen umkleidet, ist zu großen auffälligen "Lappen" umgebildet. Einige Arten der Seehasen (z. B. die spanische Tänzerin) können mithilfe dieser Mantellappen im freien Wasser schwimmen, beim geringelten Seehasen ist dies jedoch nicht der Fall. Aplysia dactylomela ist ein reiner Grundbewohner und zur Ernährung ausschließlich auf bestimmte Rotalgen
angewiesen. Bisher konnten experimentell zwei favorisierte Algen in Erfahrung gebracht werden: Asparagopsis taxiformis und Laurencia obstusa. Die erste der beiden Arten bildet im Flachwasser weit verbreitete kleinwüchsige Wälder, dringt jedoch nicht bis in die Gezeitenzone vor. Sie wird dort allenfalls regelmäßig angespült. Die zweite Art gedeiht an besonders stark brandungs- bzw. strömungsexponierten Stellen, wahrscheinlich sind diese Standorte für die Tiere eher unzugänglich. Denkbar ist, dass die Laurencia-Bestände aufgrund der starken Beweidung an diese Standorte zurückgedrängt wurden.
Tatsächlich konzentriert sich die Seehasen-Population bei Niedrigwasser in einem Gezeitenpool, der unmittelbar an das Laurencia-Vorkommen grenzt. Dort finden bei Tage hin und wieder sogar Paarungen statt. Da die Seehasen simultane Hermaphroditen sind, also zugleich beide Geschlechter ausgebildet haben, können sie zur Fortpflanzung lange Ketten
aus Dutzenden von Individuen bilden. Dies findet anscheinend jedoch nur in größeren Tiefen statt. Im Flachwasser vollzieht sich die Paarung in der Regel zwischen zwei Partnern und außerhalb der Gezeitenzone meist nachts.
Über mögliche Fraßfeinde des geringelten Seehasen ist mir derzeit nichts bekannt. Da Aplysia dactylomela die Gezeitenzone intensiv als "Kinderstube" nutzt, obgleich eine der stark favorisierten Algen eher außerhalb dieser Zone wächst, ist anzunehmen, dass es solche gibt. Zudem haben die Seehasen eine anscheinend effektive Verteidigungsstrategie entwickelt: Der Farbstoff aus den Rotalgen wird in einem Reservoir gespeichert und bei Bedarf in Form einer intensiv lilafarbenen Tintenwolke
freigegeben. Diese Abwehrreaktion lässt sich bei den in der Gezeitenzone lebenden juvenilen Seehasen jedoch nur mit Nachdruck provozieren, was dafür sprechen mag, dass es im Flachwasser an natürlichen Feinden fehlt. Ausgehend von ihrer "Hauptzentrale" verbreiten sich die geringelten Seehasen phasenweise über das gesamte Felswatt aus. Die von der Brandung abhängige, mehr oder weniger weite Verstreuung abgerissener Pflanzenteile über das Gebiet scheint ein maßgeblicher Faktor für das jeweilige Verbreitungsmuster zu sein.